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Sonntag, 7. Mai 2023

Von Bad Muskau bis New York

Nein, weder das eine noch das andere war heute das Ziel. Pückler war das Thema und sein Alterswerk Park Branitz. 
Der war ein Maniker. Für seine Gärten verschuldete er sich bis zur Enteignung. Wenn er nicht Gärten gestaltete, reiste er durch die Welt. Bis in den Sudan. An allem Neuen war er interessiert. So taucht er auf den Grund der Themse oder nutzte Baumversetzwagen in seinem Park.

Auch war er bestens vernetzt. Kluge Köpfe seiner Zeit besuchen ihn auf seinem Landsitz.

Gärten in aller Welt, so auch der Central Park in Manhattan, wurden mit Bezug auf seine Ideen gestaltet. Er selbst wurde von anderen Fürsten als Gestalter engagiert.

Den Alterssitz Pücklers öffentlich zu erreichen ist eigentlich leicht, wenn auch nicht schnell. Eine Regionalbahn fährt von Dresden nach Cottbus. Dort gibt es einen Bus zum Park, der allerdings nur stündlich verkehrt. Ich hatte Pech durch Ersatzverkehr. Der bescherte mir aber auf den Rückweg noch einen Spaziergang durch Görlitz. Bahn.de fand, das sei der schnellste Rückweg.

Montag, 31. Oktober 2022

Warum mögen wir Altstädte?

Überall wo ich war, drängten sich die meisten Menschen in Gassen und engen Straßen von alten Städten. Die weiteren, großzügigen neueren Stadteile waren weniger beliebt. Warum? Warum fühlen wir uns offenbar in der Enge alter Städte wohl? Drei Thesen:

Wir sind soziale Wesen. Nähe ist in unserer DNA, gibt und Sicherheit. Wo andere sind, ist es wahrscheinlich gut, sicher, interessant.

Alte Städte sind eher klein, niedrig. Man kann hineinschauen. Das passt gut zu unserer eigenen Größe, zumindest besser als abweisende, scheinbar übermächtige Hochhäuser.

Strukturierte Fassaden und kleinteilige Straßenzüge beschäftigen das Auge. Auch das kommt unserer Natur näher. Eine Glasfassade, sei sie noch so groß, ist in Sekunden erfasst. Sie ist eine intellektuelle Unterforderung.

Ich glaube auch hier liegt die Ursache in unserer Herkunft und Prägung als Jäger und Sammler über Jahrtausende. Wir fühlen uns wohl, wenn unsere Sinne unsere Umgebung erfassen können und sie sicher wirkt. Das sollte moderne Stadtplanung und Architektur erkennen und respektieren.
Im Übrigen sind schmale Gassen auch ein gutes Mittel gegen Hitze. Das ist ein Grund mehr, vermeintlich Überkommenes neu zu bewerten und zu würdigen. Nichts spricht gegen eine zeitgenössige Interpretation von Stadt. Daß sie nicht mehr autogerecht sein muss, eröffnet die Gelegenheit, sie wieder menschengerecht zu gestalten.

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Geburtshelfer des Kapitalismus

Sicherlich wusste er nicht was er da ins Rollen brachte. Als Cristoforo Kolombo sich gen Westen aufmachte, suchte er nur einen Seeweg nach Indien. Das Ergebnis war aber die Geburt des modernen Kapitalismus. Ein lukrativer Dreieckshandel begann. Waren wurden nach Afrika verkauft, Menschen als Sklaven nach Amerika verschifft und von dort kam Baumwolle und anderes zurück nach Europa. Die Ausbeutung war total. Seine Heimatstadt Genua profitiere reichlich. Schiffsbau, Handel und Finanzierung gebar die ersten Oligarchen. Unfassbarer Reichtum ließ einen Palast an anderen entstehen. Die Könige des Kapitalismus lebten wie wie die echten.

Kein Prunk war zu viel. Die Paläste von damals sind wie die Superjachten von heute. 
Die Stadt zog große Geister an. Rubens malte, Davinci auch. Eine ganze Kolonie an malenden Holländern entstand.

Jan Wildens zeigt eine zugefrorene Bucht von Genua. Das scheint es wirklich gegeben zu haben in der sogenannten kleinen Eiszeit.
Die Stadt selbst ist sehr sehenswert, aber auch anstrengend wie wohl alle italienischen Großstädte. 

Die sehr engen Gassen sind nach Einbruch der Dunkelheit auch nicht für jeden...

Samstag, 22. Oktober 2022

Meißen Süd

Was haben nicht Menschen schon alles angestellt für ein friedliches Leben. Um vor Überfällen sicherer zu sein, sind südlich von Genua vor Jahrhunderten Dörfer auf Klippen hoch über dem Meer entstanden. Im Rücken ein unzugängliches Gebirge fühle man sich sicher. Schöne Blicke aufs Meer machen aber nicht satt. Zumindest nicht im Mittelalter. So kletterte man hinab zum Meer um zu fischen und Rang dem Gebirge einige Terrassen für Obst oder Wein ab.

Heute ist Chinque Terre eines der touristischen Highlights an der ligurischen Küste. Massen von Amerikanern und Chinesen sagt der Reiseführer, sie sollen nun auf durchaus anspruchsvollen Wegen wandern. Trekking-Ausrüster machen gute Geschäfte.

Das tolle an dem Gebiet ist, daß die Orte mit einer Eisenbahnen verbunden sind. De facto ist es eher eine Tunnelbahn. Nur an den Orten kommt sie kurz zum Vorschein oder hält gleich unterirdisch. Damit ist die Wanderung beliebig einteilbar. Autos sind hier nutzlos.

Anmerkung zum Titel:
Die Gegend erinnerte mich an das Meißner Weinbaugebiet. Terrassen überall. Wein teuer.
Hier käme aber niemand auf die Idee, sich mit fremden Federn zu schmücken. Tzatziki-Berlin? Toskanisch Dresden? (Welche Umkehrung meine ich ?~) Wir im Norden haben offenbar einen Komplex und finden die echten Namen reichen nicht. Es muss immer eine Schweiz sein, so lächerlich die Hügelei auch ist. Oder eben ein noch so abwegiger Bezug auf etwas vermeintlich schönes aus dem Süden. Egal. Der echte Süden ist schön. Nur, Leben da ist schon eine andere Nummer.

Nett im Urlaub, extrem mühsam im Alltag.

Donnerstag, 20. Oktober 2022

Die Macht der Erzählung

Reist man durch die Welt, sind ein Großteil der sehenswerten Gebäude Kirchen und Paläste. Die Herrscher der Vergangenheit hatten das Geld und die Macht, sich die Zeiten überdauernde Häuser bauen zu lassen.

Ein herausragendes Beispiel ist die Kapelle des Normannenkönigs in Palermo. Goldintarsien überall. Das beeindruckt. Wie sehr müssen majestätische Kirchen erst vor Jahrhunderten auf einfache Leute gewirkt haben, die zum Wohnen eine Kate hatten. Und am Sonntag hat der Pfarrer ihnen erklärt, daß das Gottes Wille sei. Der König darf bestimmen und in Prunk leben, weil Gott das so will. Die Macht der Erzählung wirkt.
Jetzt mag ein Atheist überlegen lächelnd sagen, er glaube ja solchen Geschichten nicht. Ich wette, jeder Mensch glaubt. Kostprobe gefällig? 
Was ist Geld? Bunte Münzen und bedruckte Zettel. Du glaubst an den Wert. Nur weil viele das glauben, wird ihm überhaupt ein Wert zugemessen.
Dein Land. Zeige mir mal dein Land! Es ist vielleicht als bedruckte Seite in einem Atlas abgebildet. Vielleicht hast jemand einen Grenzstein eingegraben. Echt ist nur der Stein und die Druckertinte auf Papier. Das Land ist eine Geschichte.
Noch einer?
Gesetze. Wie das letzte Beispiel sind die nichts als Druckerschwärze auf Papier. Erst weil viele danach handeln, werden die eine Art Wirklichkeit.
Erzählungen, man kann auch Geschichten, Vereinbarung oder Religion dazu sagen, sind sehr machtvolle Gedanken einer großen Gruppe. Die lassen uns Kirchen bauen, Kriege führen und Bankkonten eröffnen. Eigentlich sind die der Trick, um in großen Gemeinschaften zu leben. 
Ich bevorzuge das Grundgesetz und die Schlussakte von Helsinki als gemeinsame Erzählungen. Daß der liebe Gott bestimmt hat, daß einer König ist und der Rest bitte auf das Jenseits warten soll, mag Jahrtausende funktioniert haben. Jetzt haben wir besseres. Entsprechend sollten wir die historischen Bauten einordnen. Der eine lebte in gigantischem Wohlstand und ließ diese Paläste bauen während die große Masse dafür buckelte und in übler Armut vegetierte.
Eine Erzählung, der ich Erfolg wünsche, ist die der europäischen Union. Die Idee von Verständigung in diesem von Kriegen geformten Kontinent verdient, eine mächtige Geschichte zu werden. Wir sollten ihr Kathedralen bauen.

Das Konzept der mächtigen Erzählung entwickelte übrigens der israelische Historiker Yuval Noah Harari. Sein Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit sei jedem Interessieren empfohlen.

Freitag, 14. Oktober 2022

South of Africa

Mein wohl südlichster Ort meiner Reise ist erreicht. Er heißt Noto und liegt im Süden Siziliens und damit südlicher als Tunis. Daß man nicht weit von Afrika entfernt ist, merkt man aber nur bei genauem Hinschauen.

Die Ocean Viking wird von Ärzte ohne Grenzen zur Seenotrettung im Mittelmeer eingesetzt und liegt hier gerade neben einem Kreuzfahrtschiff in Syracuse. Archimedes guckt sich das erstaunt an.

Kurios ist das Barockdorf Noto und seine Nachbarn. Nach einem verheerenden Erdbeben 1693 baute man die Orte im Stil der Zeit wieder auf. Sehenswert.
War das barocke Dubrovnik noch enttäuschender Einheitsbrei, so erstaunt die Kreativität sizilianischer Architekten.

Ich wünschte, wir würden unsere Städte auch so selbstbewusst bauen, wie die Menschen vergangener Epochen. Die haben selbstverständlich das neueste und modernste umgesetz, was ging. Wir dagegen bauen Pflaster wieder ein, weil es anno dazumal so war. Ganz offenbar fehlt es uns an Selbstbewusstsein. Wie hätten die Barockarchitekten wohl entschieden, hätten ihnen unsere Technologien und Werkstoffe zur Verfügung gestanden?

Sonntag, 9. Oktober 2022

Von Jägern und Sammlern

Vorbemerkung: Das ist ein längerer Text, der nur wenig mit meiner Reise zu tun hat. Die bietet aber Anlass und Gelegenheit, ihn zu schreiben. 

"Treibe Sport!", "Iss viel Gemüse!", "Trinke weniger Alkohol!" - die und noch viele andere Ratschläge bekommt man, wenn man danach fragt, wie man gesund leben sollte. Warum? Warum muss man sich überhaupt diese Frage stellen? Kein anderes Lebewesen zieht in Betracht sein Lebenswandel zu ändern, um gesünder zu sein. Wahrscheinlich leben sie einfach richtig.
Eine Antwort kann lauten: Unser Körper und unser Geist passen nicht zu unserem Lebenswandel. Schaut man sich evolutionäre Veränderungen an, so vollziehen sie sich über Äonen. Deshalb glaubten frühere Kulturen an eine statisch geschaffene Welt. Unser Horizont reicht einfach nicht aus, evolutionäre Prozesse zu erkennen. Erst unser Intellekt erlaubt es, diese Zusammenhänge zu erkennen.
Die Biologie lässt sich Zeit. Wir sind keine Homo Autobilensis, keine Homo Großstadtensis. Wir sind biologisch nach wie vor höchstens Jäger und Sammler. Das haben wir Jahrtausende gemacht. Dazu passen perfekt die eingangs erwähnten modernen Gesundheitstips. "Lebe wie eine Jäger und Sammler!" ließen sie sich zusammenfassen.
Versteht man erst einmal diese Diskrepanz, ergeben sich Antworten auf viele aktuelle Fragen. Ein heute so genanntes Vorurteil ist, zum Beispiel, für den Jäger die in Sekundenbruchteilen zu fällende Entscheidung, ob er im Busch Freund oder Feind gegenüber steht. Auch mußte er seine Umgebung in seiner Lebensspanne gut kennen. Welche Auswirkungen sein Holzfällen und Verbrennen aus den Meeresspiegel hat, war unwichtig.
Wir sind also gemacht für das Verstehen unmittelbarer Ursache-Wirkung Bezüge. Das Begreifen langfristiger Zusammenhänge ist in unserer Biologie nicht vorhanden. Es war schlicht nicht nötig für Erfolg.
Unser großes Hirn ist nun aber Fluch und Segen zugleich. Es ermöglicht uns, in - verglichen mit anderen Lebewesen - umfassendem Überfluss zu leben. Es lässt aber auch zu, die langfristigen Folgen unseres Handelns zu erkennen... wenn wir uns bemühen.
Manche vergleichen die Menschheit mit einem Parasiten, der die Erde befallen hat. Übliche Parasiten sind doof und bringen ihren Wirt um und gehen damit selbst drauf. Das klappt, weil es genug Wirte gibt. Wir haben nur eine Erde. Wenn wir diesen Wirt zugrunde richten, sind wir auch am Ende. Übrigens: Das Bewahren der Erde sollte nicht Umweltschutz heißen. Die Umwelt wird uns lächelnd überleben. Es ist viel mehr der Schutz unserer Existenz, unserer Zivilisation. Menschheitsschutz wäre wohl ein geeigneterer Begriff.
Wozu erzähle ich das? Zu Hause wie unterwegs erlebe ich, wie wir offenbar außer Stande sind, die Folgen unseres Handelns zu verstehen. Wie oben erklärt, erschließt sich vieles nur Intellektuell. Unmittelbarer sieht, schmeckt und riecht man Klimawandel nicht. Warum man durch Handy mit anderen Menschen sprechen kann, versteht (fast) niemand wirklich. Wir Jäger und Sammler begreifen (auch im Wortsinn) das Unmittelbare, nicht das Langfristige, Ferne.
Verschärfend hinzu kommt, daß jeder für sich gute Gründe findet, die möglicherweise verstandenen langfristigen Folgen seines Handelns zu entschuldigen. "Die Anderen machen es doch auch." "Mein Handeln ändert doch nichts an großen ganzen." "Das ist aber zu umständlich." NIMBY ist eine dazu passende Wortschöpfung. Das ist unsere Urmenschenbiologie. Die kulturell gelernte Überformung reicht nicht, um unser Handeln fundamental zu beeinflussen. Und wir sind zu dumm. Der Busfahrer lässt beim Parken den Motor laufen. Er zahlt den Sprit ja nicht. Das Thermostat steht auf 5. Der Besitzer weiß nicht, was eine Regelung ist. Der Büromensch "lüftet" weil er glaubt, kalte Luft sei frischer als die vorgewärmte aus der Lüftungsanlage.
Was tun?
Aus den schrecklich schiefgegangenen Gesellschaftsexperimenten des vergangenen Jahrhunderts haben wir gelernt, daß sich der gute Mensch nicht züchten lässt. "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen." ist eine Illusion. (Ref.) Gutes nachhaltiges Handeln ist Ehrenwert, wird aber die Welt nicht retten. Umerziehung ist keine Option. Was funktioniert dann? Markt und Regeln. Gesetze regeln erfolgreich unser Zusammenleben. Manche Politiker diffamieren Regeln als Verbote. Der facto sind Gesetze Verbotssammlungen. Es ist sogar alles erlaubt, was nicht per Gesetz verboten ist. Das erst ermöglicht ein friedvolles Miteinander. 
Es ist verboten, bei Rot über die Kreuzung zu fahren. Es ist verboten, jemandem etwas wegzunehmen. Es ist verboten, einfach im Wald einen Baum zu fällen. Erst diese vereinbarten Verbote ermöglichen Freiheit miteinander.
Das andere, was funktioniert, ist der Markt. Messe etwas einen Wert bei und es wird sich ein Markt bilden. Um unsere Erde zu schützen müssen wir ihren Ressourcen einen Wert zumessen. Ein CO2-Zerifikat ist ein gutes Werkzeug. Nur muss es teuer genug sein, was es aktuell nach Ansicht vieler Experten nicht ist. Du willst ein Kernkraftwerk betreiben? Gerne. Aber versichere es auch. Geht nicht. Keine Versicherung gegen die Folgen eines Unfalls wäre wirschaftlich. Und das Endlager bezahlst du auch! Schon ist Kernkraft vom Markt.
Die kluge Verknüpfung von durch Verbote eingehegtem Markt ist ein Weg, den Jäger und Sammler verstehen können. Dabei müssen irreversible Eingriffe durch Verbote verhindert werden. So ist ein gerodeter Regenwald auf sehr lange Zeit verloren. Da dürften nur einzelne Bäume geerntet werden. Übrigens, schon in der Bronzezeit haben Menschen die Umwelt kaputt gemacht. 

Soweit die heere Theorie. Die Wirklichkeit ist leider viel komplizierter. Staaten, Unternehmen, Lobbyisten haben eigene Agenden. Zusammen mit dem unterschiedlichen Entwicklungsständen der Länder ergibt sich große Blockaden. Warum auch sollten andere Länder ihre Urwälder nicht roden? Wir, die Europäer haben es auch gemacht. Vor Jahrhunderten. Und mit dem daraus gebauten Schiffen haben wird dann die Welt unterjocht. Aber das ist ein anderes Thema.
Große Wirtschaftsräume wie die EU können aber zum Beispiel importiere CO2-Ausstöße besteuern. Das wird auch gemacht und geht gut bei Kohle oder Stahl. Aber wie viel CO2-Ausstoß steckt in einem Handy, importiert aus China? Es ist kompliziert.
Ein Ansatz, etwas Vergleichbarkeit oder Gerechtigkeit einzuführen ist die Idee des CO2-Gesamtbudgets. Dabei werden alle historischen Emmisionen eines Landes addiert. Der fette Westen hat danach schon einen Großteil seines Budgets verbraucht. Nach diesem Maß müssten diese Länder bei der Decarbonisierung ihrer Gesellschaft voran gehen. Die können das auch technologisch wie wirtschaftlich. Deutschland zum Beispiel müsste danach 2030 bei Null sein. Bei aktueller Politik ist das leider illusorisch. 

Bei meiner Reise durch Europa habe ich leider einen sehr ernüchternden Eindruck gewonnen. Südeuropa ist gesegnet mit Sonne. Auch Wind gibt es ab dem Küsten und in den Gebirgen reichlich. Beides liegt brach. Windräder haben Seltenheitswert. Solarmodule sieht man so gut wie nirgends. Dabei hat beispielsweise Sizilien fünfzig Prozent mehr Sonne als Deutschland. Konventionelle Energie ist ganz offensichtlich noch zu billig. So billig, daß es wirtschaftlich egal ist, ob der Busfahrer den Motor abstellt. Der Markt richtet es nicht. Also brauchen wir Regeln und Gesetze, die auch durchgesetzt werden.
Und was ist mit dem importierten Handy? Ahnlich zum Lieferkettengesetz könnte man die Importeure verpflichten, ein CO2-Budget ihrer Waren anzugeben. Dem kann man dann ein Preisschild umhängen. Ein wünschenswerter Nebeneffekt teurer Energie ist übrigens, daß regionale Produkte und Dienstleistungen relativ günstiger werden. Dann kann vielleicht der Apfel aus Borthen wieder mit dem aus Neuseeland preislich mithalten.
Windräder in Kroatien - ein seltener Anblick 

Mittwoch, 5. Oktober 2022

Baggern

Reist man als mit offenen Augen durch den Balkan, fallen nicht nur die vielen dauerfilmenden Touristen aus China auf, sondern auch behelmte Arbeiter oder tanzende Damen aus dem Reich der Mitte.

Ganz offensichtlich baggert China kräftig an seiner neuen Seidenstraße auf dem Balkan. Wenn das schon einem Reisenden auffällt, wie viel macht die rote Diktatur dann hinter den Kulissen? 
Das Zentrum Tiranas ist voller chinesischer Fahnen, ein chinesisches Kulturprogramm läuft - mit kostenlosem Essen. Wessen Brot ich ess' dessen Lied ich sing'. Ist es so simpel? Scheinbar.

Ganz gezielt sind die da an Start, wo Demokratien oder Wirtschaft noch schwach sind. Sie kauften griechische Häfen während der Krise. Helfen bei das Sanierung wichtiger Bahnstrecken in Osteuropa. Dabei kommen sie nicht als Samariter. Über Kredite machen sie klamme Staaten abhängig. Eine umfassende Recherche dazu findet man im Tagesspiegel.
Die EU sollte hier nicht klein beigeben. Zugegeben, es ist ein dickes Brett, westliche Werte als Bedingung schmackhaft zu machen. China schert sich keinen Deut um Menschenrechte oder Sozialstandards. Aber ihnen deshalb das Feld zu überlassen, kann langfristig uns selbst unsere Werte rauben.

Ein paar Mülltonnen sponsorn (wie hier in den Bergen Montenegros gesehen) und EU-Betrittsversprechen Jahrzehnte zu stecken ist sicher nicht der richtige Weg.

Dienstag, 4. Oktober 2022

Mutter Theresa und die Autowäsche

Die vielleicht berühmteste Tochter des Landes darf dem Flughafen der Hauptstadt ihren Namen geben. Weithin bekannt dürfte auch Envar Hoxha sein. Gegensätzlicher können Menschen kaum sein. Richtig, von Albanien ist die Rede. Das Jahrzehnte in Steinzeitstalinismus isolierte Land ist mächtig im Aufbruch. Der passiert im Benz und auf den Fahrrad. Ja, in Albanien wird Fahrrad gefahren. Und Mercedes.


Das Land hat mit die jüngste Bevölkerung in Europa. Die Hauptstadt Tirana ist bunt und sehr lebendig. Und eben voller Fahrradwege, die auch benutzt werden. Selbst auf den Landstraßen sieht man oft mutige Pedalritter, die der südländisch dynamischen Kraftfahrerei trotzen.

Wer auf dem Bild rote chinesische Fahnen sieht, liegt richtig. Dazu später mehr.
Dass ein Aufbruch im eigenen Kraftwagen passiert, ist ja nicht neu. Beachtlich ist die Anzahl der Waschgelegenheiten im Lande. Der Stolz will gepflegt sein. 
In der Hauptstadt wird gewaltig gebaut. Bunte Fassaden sind längst nicht mehr das alleinige Aushängeschild.


Tradition und Moderne kommen sich hier sehr nahe, wenn die Rufe der Muezzin sich mit dem Donnern der Presslufthämmer mischt.

Für Reisende ist Albanien ein sehr preiswertes Vergnügen. Die Lebensart in einer Mischung aus Balkan-Style und dem Espresso-Eis-Pizza Dreiklangs der langjährigen Besatzer.
Für Zugfahrende gibt es hier aber leider nichts zu holen. Der ehemalige Hauptbahnhof ist abgerissen. Der Bus ist das Mittel der Wahl. Allerdings ist selbst der Nahverkehr der Hauptstadt ein Rätsel. Es gibt weder Fahrpläne noch brauchbare Infos zu Routen. Durchfragen ist Stand der Technik. Auf eigene Faust das Land zu erkunden ist anstrengend. Entweder am Fahrplan oder (als Selbstfahrer) im üblichen Fahrstil. Trotzdem: Daumen hoch für Albanien. Dicke Empfehlung.

Samstag, 1. Oktober 2022

Pufferküsser

Wer dieses Wort nicht kennt: So nennt man etwas despektierlich Leute mit einer großen Zuneigung zur Eisenbahn. Wer zwei Monate Eisenbahn fährt, muss das offenbar nett finden. Dann sucht man natürlich nicht nur nach schönen Zielen, sondern der Schienen-Weg ist das Ziel. Einer dieser besonderen Wege ist die Bahnstrecke von Belgrad zur Adriaküste. Sie war ein Prestigeprojekt Titos und eine enorme Ingenieursleistung. Die nationale Bedeutung war vergleichbar mit dem Bau der BAM oder vielleicht (im Kleinen) "Max braucht Wasser". Die Jugend Jugoslawiens strömte in die Berge, um die Zukunft zu bauen. 
Man überquert bei der Fahrt die höchste Eisenbahnbrücke Europas. Hunderte Tunnel und Brücken machen sie zu einem faszinierenden Erlebnis. Bis heute wird die durch zum Großteil menschenleers Karstgebirge führende Strecke täglich von Streckenläufern überwacht. Ein sehr lesenswerter Wikipedia-Artikel erzählt ausführlich. Heute hat übrigens China die Strecke als Teil ihrer neuen Seidenstraße entdeckt und hilft tatkräftig bei der Sanierung.

Dienstag, 27. September 2022

overrated, overtouristed

Dubrovnik: Eine Neubausiedlung des Barock.
Das steht in keinem Reiseführer, aber es ist mein Eindruck von der Stadt. Eine von einer dicken Mauer eingehüllte Altstadt, die von Touristenmassen heimgesucht wird.
Dabei stammen die meisten Bauten aus einem Wiederaufbau nach einem Erdbeben 1667. 
Das Bemühen nach dem Kroatienkrieg, die Zerstörungen im UNESCO-Weltkulturerbe zu beheben, hat sein übriges getan. Klar, es gibt ein paar tolle Bauten in der einst reichen Handelsstadt, die Lage immerhin ist eins A. 
Dubrovnik und paddelnde TouristenDubrovnik wird wie quasi alle Küstenstädte von Touristenmassen überrannt. Die gigantischen Kreuzfahrtschiffe rammen sich förmlich in die Orte, kippen ihre Fracht in die Gassen, die dann höchstens einen Kaffee trinken. Gegessen und geschlafen wird ja auf den Schiff. Dazu hängen deren Abgase über den Buchten fest. 
Eine zweite Problemgruppe sind Billigflug-Jugendliche mit fehlender Kinderstube. Chillen am Strand, Party in der Stadt und Kotzen im Park. Dieser Triathlon ist ein Fluch.
Doch woanders ist es auch nett und die Kugel Eis kostet nicht drei Euro.

Mittwoch, 21. September 2022

Bei den Vandalen

Bratislava ist schön. Und kaputt. Das Museum erzählt und von ewigem Kampf um das Örtchen zwischen Donau, Puszta und Karpaten. Kelten wohnten hier. Römer, Tartaren, Mongolen, Deutsche, Juden und Slawen, um nur einige zu nennen, kamen, kämpften und verschwanden. Die Stadt, die Burg, das Land brannten unzählige Male und wurden ebenso oft wieder aufgebaut. Und dann kamen die Kommunisten und asphaltierten die Zukunft mitten durch die Altstadt.
Die rissen dafür 1969 die bisher verschonte Synagoge und teile der Altstadt ab. Es gab ja keine Gemeinde mehr...
Wahrscheinlich tut man den einst in der Gegend beheimateten Vandalen Unrecht, diesen -ismus nach ihnen zu benennen. Es war der Kommun- oder Modern-.
Nun gibt es Pläne, die Straße zu überdachen und einen Park anzulegen. Baustart ist 2023. Immerhin.

Sonntag, 18. September 2022

Grüße nach Moskau

Im Baltikum ist man Russland sehr nahe. Geografisch wie historisch. Und zur Zeit fühlt sich das etwas gruselig an. Wie wohl alle ehemaligen Sowjetrepubliken blicken auch die Balten auf eine teils finstere Vergangenheit zurück. Das merkt man hier überall.
Die Balten waren daher auch am konsequentesten für Sanktionen gegen Russland. Daß das eine aggressive Imperialmacht ist, wissen sie aus bitterer Geschichte.


Die russische Botschaft in Tallinn ist mit eindeutigen Zeichen und Worten drapiert.

Im ex KGB-Folterkeller in Tallinn kann man sich den fistersten Kapiteln der Nachbarschaft zum großen Bruder nähern.
Wenn die Mitarbeiter der russischen Botschaft in Riga aus dem Fenster schauen, sehen sie ihren Chef ungeschminkt.
Ein Café in Vilnius ist eindeutig.

Dabei sind bis zur Hälfte der Einwohner balischer Orte russigstämmig. Russisch ist allgegenwärtig. Die Länder müssen einen Spagat zwischen Integration ihrer Mitbürger und klarer Kante zum übergroßen Nachbarn hinbekommen.
Daß hier so viele Menschen aus Russland leben hat seine Ursache in der russischen Besatzung. Balten flohen gen Norden oder Westen. Stalin siedelte Russen an. So wurden Balten in Sowjetzeiten teils zur Minderheit im eigenen Land. Umvolkung (ein Naziwort dafür) nutzen Diktaturen bis heute gerne um unliebsame Kulturen zu verstümmeln. Man kann das aktuell in Tibet oder Xinjiang beobachten.

Lesetip:
Das achte Leben von Nino Haratischwili beleuchtet als Familiensaga über einhundert Jahre die Sowjetzeit in schmerzlicher Tiefe (aus georgischer Sicht).

Samstag, 17. September 2022

Kaunas modern

Hatten Rīga und Helsinki heftige Flirts mit den Jugendstil, so war es in Kaunas die Moderne, die das Stadtbild Straßen mit prägt.

Daß ich das entdeckt durfte, verdanke ich dem dünnen litauischen Fahrplan der Bahn. Nach Bialystok in Polen fährt der Zug nur ein Mal pro Woche! Kaunas ist Litauens Verkehrsknoten Richtung Westen. Also mache ich hier Station und das lohnt sich durchaus. Der Stadt hat erst der russische Zar seinen Stempel aufgedrückt. Es wurde Festung und Garnisonsstadt. Nach der Unabhängigkeit 1920 versuchten sich litauische Architekten in ihrer ganz eigenen Interpretation modernen Bauens.
Sehenswert.
Weiteres findet man hier: https://autc.lt/en/architecture-object/?id=881

Freitag, 16. September 2022

Das Blei der Vergangenheit

Vilnius galt einst als Jerusalem des Nordens. Wichtige Gelehrte des Judentums wie Gain unterrichten hier. Juden machten 1919 fast ein Drittel der Einwohner aus. Es gab 96 Synagogen.
Sucht man heute nach Zeugnissen dieser Zeit, muss man sehr genau hinschauen. Nicht nur daß die Nazis hier ihre Vernichtung nahezu vollständig umsetzten. Auch das moderne Vilnius versteckt dieses Erbe.
Diesem Hinweisschildchen muss man folgen, um zum jüdischen Museum zu kommen. Dort lernt man auch, daß die litauische Polizei den Deutschen nur allzu gerne geholfen hat. In der Stadt gab es zwei Ghettos. Meine Pension ist in einer der Straßen...
Diese Schleifbock, gemacht aus einem jüdischen Grabstein, wurde bei einem Litauer Beteiligen gefunden. 
Die Geschichte dieser Länder ist komplex. Die Besatzung durch Russland wird überall intensiv beleuchtet. Anderem Erbe, wie hier die einst blühende jüdische Kultur, wird wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Montag, 12. September 2022

Šnizel statt Rail Baltica

Eisenbahn ist eine komplexe Sache. Ganz besonders unschön wird es, wenn man quasi bei Null anfangen muss. Die Bahn der baltischen Staaten wurde zu Sowjetzeiten gebaut. Deren Spurweite, also der Abstand zwischen den beiden Schienen, ist größer als in Mitteleuropa üblich. Will man also einen Zug von Tallinn nach Warschau fahren lassen, muss man irgendwo den Zug wechseln. Ist man EU-Mitglied und will so richtig zum Westen gehören, ist das unschön. Alle Gleise im Land wechseln ist aber ein dickes Brett.
Daher kam die EU und fördert den Bau einer Neubaustreche. Rail Baltica wurde die getauft und sollte dieses Jahr in Betrieb gehen. Wenn wundert's, dass auch dieses Projekt um Jahre verzögert ist. 
Deshalb darf ich mir den netten Grenzort Valga zwischen Estland und Lettland vier Stunden lang anschauen. Eine durchgehende Verbindung zwischen den beiden Ländern gibt es nicht.
Diese Entschleunigung belohnte mich aber mit Eindrücken aus der Provinz und einen exzellenten Riesenschnitzel.
Chruschtschowkas nennt der Volksmund die schnell hochgezogenen Wohnblocks. Der harmonischen Integration in die bestehende Bebauung wurde ähnlich viel Beachtung geschenkt wie in Prohlis oder französischen Skiorten.
Die Parks aber sind 1A gepflegt.