Heute kommt mal ein Interview. Wen ich hier gefragt habe, verrate ich aber erst am Ende.
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Montag, 2. Januar 2023
Donnerstag, 10. November 2022
Und jetzt?
Zwei Monate gingen schnell vorbei. Wenn man ständig neues erlebt sowieso, aber auch im Zuhause hatte sich wenig verändert. Dieser Kanal aber existiert, funktioniert und wird gelesen. Ich werde wohl in unregelmäßigen Abständen weiter meine Gedanken aufschreiben. Es wird sich natürlich nicht mehr um diese Reise drehen. Aber auch bisher war mir die Tour eher Anregung für Themen. Den Blog sehe ich auch weiter als Gedankenschleuder. Wer ihn weiter lesen mag, ist natürlich herzlich eingeladen. Wie man über neue Beiträge informiert wird, hatte ich ja schon einmal aufgeschrieben.
Montag, 7. November 2022
Nachlese
Als einer, der Zahlen mag, kann ich mir nicht verkneifen, einige dieser meiner nun beendeten Reise zusammenzufassen. Selbstvemessung mit kluger Uhr, Bezahlen mit Karte und andere Elektronik erinnern sich an vieles. Das interessiert andere, aber eben auch mich selbst.
Die Uhr zum Beispiel sagt, ich hätte über 754000 Schritte in den zwei Monaten gemacht. Schenkt man dem Glauben, waren das über zehn Kilometer täglich. Das schaffe ich im Arbeitsalltag nicht annähernd.
Interessiert hat mich auch, wie viel Zeit ich jeden Land gewidmet habe. Da die sehr unterschiedlich groß sind, habe ich die verbrachte Zeit auf deren Größe normiert:
Da gibt es einen klaren Gewinner. Italien. Mit Kalabrien, Sizilien, Chinque Terre und Genua ist es so vielfältig wie kaum ein anderes der besuchten Länder. Dazu Sonne, Kultur, Geschichte und gutes Essen. Dolce Vita.
Auf den zweiten Rang läuft Montenegro ein. Mit wildem Gebirge und Adriaküste ist es sehr sehenswert. Dafür hat es die mit Abstand hässlichste Hauptstadt.
Eine weitere Torte zeigt die Kostenverteilung der Tour.
Die Übernachtung immer in Pensionen, Ferienwohnungen oder Hotels saugt am Beutel. Schlafsäale, auch wenn oft erheblich günstiger, habe ich gemieden. Der Luxus eines halbwegs privaten Rückzugsortes kostet eben. Zudem war mir wichtig, immer in Stadtzentrum zu wohnen. So vermeidet man, Zeit in Verkehrsmitteln zu vertrödeln und kann die Stadt zu Fuß erschließen.
Nach dem interrail-Ticket ist das drittgrößte Kuchenstück das Fähre fahren. Aber es ist auch einfach schön und bei der gewählten Route unvermeidlich.
das Zählen der gefahrenen Kilometer habe ich mir gespart. Aber immerhin habe ich die Karte aktualisiert.
Samstag, 5. November 2022
Plastikwelt
Zuhause ist es en vogue, so wenig wie möglich Plastik zu nutzen und wenn es doch sein muss dann wenig und lange. Auf meiner Reise habe ich schnell gelernt, daß das eine sonst selten anzutreffende Blase ist. Praktisch nirgends wird am Plastik gespart. Im Gegenteil. Nach wenigen Einkaufen in Supermärkten besaß ich plötzlich mehr Plastiktüten als ich Zuhause in einem Jahr bekomme. Die Tüten abzulehnen wirkt offenbar schrullig. Das macht keiner. Die Olivenbar feiert eine Plastikschachtelorgie. Bestehe ich auf nur einer Schachtel für verschiedene Sorten, bringe ich die Olivenfachverkäuferin an den Rand ihrer Fähigkeiten. Tara und so...
Auch gibt es nicht den Hauch einer Ahnung davon, daß die in den Fluss oder ins Meer gewehte Tüte das Ende einer Schildkröte bedeuten könnte.
Ich glaube schon, daß es richtig ist, unverrottbaren Müll zu vermeiden. Doch ein paar Willige werden es nicht reißen. Es helfen nur Verbote. Dafür brauchen wir kluge und mutige Politiker und eine Gesellschaft, die es gut findet, vereinbarte Regeln einzuhalten. Denn die helfen nichts, wenn sie nicht durchgesetzt werden. Im Gegenteil: Regeln, deren Bruch nicht zu Sanktionen führt, beschädigen das Vertrauen in diese. Dann ist der sich korrekt verhaltende der dumme. Das Schlitzohr kommt durch. Das ist zu Ende gedacht asozial. Dann besser keine Regel festlegen.
Beispiel: Vor einigen Jahren wurde mit viel Tamtam in Deutschland das Handyverbot am Steuer eingeführt. Wirf mal einen Blick in vorbeifahrende Handwerkerautos Montag früh! Sehr viele telefonieren mit Handy in der Hand. Von Polizeikontrollen, die das sanktionieren habe ich noch nicht gehört. Was soll dann die Regel?
Donnerstag, 3. November 2022
1:15
Eigentlich wollte ich diesen Beitrag vermeiden. Aber er wurde nötig. Nachdem ich in fünfzehn Ländern Bahn fahren durfte, war am Ende die deutsche dran. Sie machte ihrem Ruf alle Ehre. Trotz 30 Minuten Umsteigezeit verpasste ich den Abschluss in Frankfurt. An Ende war das nicht schlimm, denn der verpasste ICE ging in Döbeln kaputt. Der Zug in dem ich dann saß sammelte die gestrandeten Passagiere auf. Es war schon fast lustig.
Selbst die Anzeige im Zug war verwirrt.
Früher dachte ich, das deutsche Streckennetz ist eben groß. Da sind Verspätungen unvermeidlich. Nun, auch Italien ist groß. Dort waren die meisten Züge sehr pünktlich. Und in der Schweiz klappen sogar Umsteigezeiten von zwei Minuten.
Auch ist Deutschland das einzige Land, das ich in den zwei Monaten bereist habe, in dem nach wie vor Maske Pflicht ist. Wenn ich in einer Gruppe eine von der großen Mehrheit abweichende Meinung habe, kommen mir Zweifel, ob meine Position wirklich die richtige ist. Es ist sehr heilsam, etwas über den Tellerrand zu schauen. Uns allen täte das öfter gut. Wir könnten sehen, daß Deutschland bei so einigen modernen Themen weit weg von der Avantgarde ist. Bei anderen, wie den erneuerbaren Energien, sieht es ganz gut aus - verglichen mit dem Balkan.
Sonntag, 30. Oktober 2022
Korrumpel
Ich hatte ganz vergessen, wie das geht. Die Polizei hält dich an und du gibst ihnen die Papiere mit einem zufällig dazwischen klemmenden Scheinchen. Der Busfahrer bekommt Geld für's Gepäck, "vergisst" aber, dir den Beleg zu geben. Fahrgäste werden unterwegs gegen Cash mitgenommen - Fahrschein Fehlanzeige.
Selbst der ahnungsloseste Tourist kann leicht beobachten, wie in den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken Bestechung und Betrug Alltag ist. Wenn die Busgesellschaft aber nur die Hälfte der tatsächlichen Fahrgäste sieht, ist der Zustand des Busses erklärlich.
Manchmal folgt eine kleine Strafe auf den Fuß und der Busfahrer muss unterwegs Wasser nachkippen. Der Motor dampfte.
Man kann nur erahnen, welches Maß an Misswirtschaft und Korruption auf höheren Ebenen herrscht. Solange Länder diese Geißel nicht abschütteln, wird es schwer als Gesellschaft voranzukommen. Und wenn das so tief im Alltag der einfachen Leute verankert ist, lässt sich nicht erkennen, wie diesem Teufelskreis zu entkommen ist.
Mittwoch, 26. Oktober 2022
Bjutiful old Jurop
Auffällig bei ausnahmslos allen Orten meiner Reise war die Menge nordamerikanischer Touristen. Egal ob Tallin, Split oder Tirana. Überall war amerikanisch rollendes Englisch unüberhörbar. Das erstaunt. Meine Route sehe ich nicht unbedingt als Teil von Europa-in-einer-Woche.
Ich halte es für ein positives Zeichen, wenn sich eine Menge Amerikaner echt Zeit nehmen, Europa kennen zu lernen. Dazu sollte man wissen, daß in den Vereinigten Staaten eine Woche Urlaub pro Jahr nicht unüblich ist. Einige mit denen ich ins Gespräch kam, haben sich aber deutlich mehr Zeit genommen.
Die nächst auffällige Fraktion sind Deutsche. Die sind weniger zu hören als an ihrer Bekleidung zu erkennen. Stets bestens vorbereitet, im nächsten Moment den Mount Everest zu bezwingen, erkennt man die von weitem. Natürlich überall sind auch die karikaturhaft Selfiesticks haltenden Chinesen unterwegs. Warum sie sich immer ins Bild setzen müssen? Auch Oma Zuhause soll was von der teuren Reise ihres Enkels haben. So hat jede Nation ihre Eigenarten. Daß man aber voneinander lernt, ist wohl ähnlich wahrscheinlich wie "Wandel durch Handel".
Montag, 24. Oktober 2022
Querformat
Hier kommt ein Beitrag, der nicht unmittelbar mit meiner Reise zu tun hat. Es betrifft aber eine von mir häufig gemachte Beobachtung. Nicht selten sehe ich in Restaurants, den Zug oder anderswo Kinder, die mit Filmchen ruhiggestellt werden. Gerne begleitet von einem soft drink. Den Eltern kommt offenbar nicht die Idee, sich mit ihnen zu beschäftigen.
Ich frage mich dann, ob ich einfach zu alt bin, um das in Ordnung zu finden. Als ich Kind war, gab es Bücher. Die Elektronik macht Ablenkung leicht. Was macht das mit Kindern? Wie läuft Frühstück und Abendessen bei diesen Familien? Sind Bildschirme die Babysitter unserer Zeit? Welche Werte bekommt ein Kind, wenn es statt Teil der Gemeinschaft zu sein, vor einem Bildschirm geparkt wird? Und welches Verhältnis haben die Eltern zu ihrem Kind? Ich befürchte, es wächst eine Generation von Wischexperten mit massiven sozialen Defiziten heran.
Das sind natürlich nur Mutmaßungen eines Laien. Ich glaube aber einfach nicht, daß das gut ist.
Bei älteren Kindern und Jugendlichen beobachte ich, daß sie in der Bedienung der Endgeräte und in den sogenannten sozialen Medien fit sind. Sie erkennen das Internet aber nicht als gigantische Bibliothek. Geschweige denn interessieren sie sich für die hinter den Geräten steckende Technik. Sie sind schlicht Konsumenten.
Ich vergleiche das Internet gerne mit einem großen Zeitungskiosk. Man hat die freie Wahl, ob man Die Bunte oder Die Zeit wählt.
Sonntag, 23. Oktober 2022
Interrail - was gut ist und was nicht
Eine Eisenbahn-flat-rate für ganz Europa ist schon schick. Nach fast zwei Monaten damit sind hier meine Erfahrungen:
- Sich einfach in einen Zug setzen zu können ohne über den Fahrschein nachdenken zu müssen ist sehr entspannend.
- Ziele ohne Bahnhof sind sofort nur zweite Wahl. Mancher schöner Ort fällt damit flach.
- Gegenden mit dünnem Schienennetz bedürfen genauer Planung. Oft gibt es nur wenige Verbindungen und auch nicht täglich. Siehe meine Artikel zum Baltikum und dem Balkan.
- Die App von interrail ist teils sehr lückenhaft. So kennt sie nicht einmal den Ort Tallin. Manche Informationen sind schlicht falsch oder veraltet, so zu Zügen nach Bulgarien oder Griechenland. Der Support speist einen mit Allgemeinplätzen ab.
- Korrekte Informationen zu beschaffen ist teils schwierig. Für Westeuropa klappt das gut. Osteuropa ist da hinterher. Webseiten der Bahngesellschaften sind aus dem vergangenen Jahrtausend. Nicht selten bekommt man dort Auskunft nur direkt am Bahnhof.
- Sehr bewährt hat sich die App der Deutschen Bahn. Sie kennt nahezu alle Züge in Europa. Nicht selten helfen auch Wikipedia-Seiten über bestimmte Schienennetze weiter.
- Nervig ist die Reservierungspflicht sehr vieler Schnellzüge. Zum Teil ist die auch richtig teuer (Frankreich). Und interrail verdient mit. Da kommen jedes Mal noch zwei Euro Gebühr dazu. In Italien sind das satte 66% Mehrkosten.
- Nachtzüge sind Klasse, nur die für interrail vorgesehenen Kontingente schnell weg. Wochen vorher den Zug buchen zu müssen, beraubt einen jeglicher Flexibilität. Mit interrail erscheint mir das widersinnig. Da klaffen Werbung und Realität weit auseinander.
- Nachtzüge sind ungeeignet, wenn man schöne Landschaft vorbeiziehen sehen will.
- Fähren können eine gute Ergänzung sein. Oft sind sie nicht teuer und bringen einen weit.
Lesezeit zwei Minuten: Nachhilfe für Journalisten
Wer Journalist wird, hatte wahrscheinlich nicht Mathematik als Lieblingsfach. Das merkt man vielen Beiträgen an. Daher kommt hier etwas Nachhilfe zu gesprochener oder geschriebener Mathematik. Es geht um die kleinen Wörter "um" und "auf". Gerne werden die benutzt, um Änderungen von Preisen oder Bruttosozialiprodukten in Textaufgaben zu verpacken. Es handelt sich aber nicht ohne Grund um zwei verschiedene Wörter.
Ich illustriere das mal an einem Beispiel, das mit gerade sehr nahe liegt: Als in Italien noch mit Lire bezahlt wurde, hat ein Espresso meist 500 Lire gekostet. Das sind rund 25 Eurocent. Als der Euro kam, waren es plötzlich 50 Cent geworden, was übrigens zu großem Unmut im Lande führte. Das ist eine Preissteigerungen auf das doppelte, also 200 Prozent und um das einfache - meist sagt man um 100 Prozent. Um bezeichnet also die Änderung, auf dagegen das gesamte. Diesen Zusammenhang liest und hört man reihenweise falsch.
Klar wird der Unterschied, wenn die Änderung nicht ein Vielfaches ist. Steigt der Preis des Espresso von einem Euro auf eins fünfzig, so ist klar, daß er um 50% und auf das anderthalb fache.
Bitte, bitte, bitte liebe Journalisten nehmt euch Zeit oder sucht Rat bei Themen, wo ihr nicht sattelfest seid. Eure Arbeit ist zu wichtig als daß sie durch Unwissen diskreditiert werden kann.
Mittwoch, 19. Oktober 2022
Der Widerspenstigen Schälung
Als gelernter Ossi fremdle ich bis heute mit mancher Südfrucht. Was der deutsche Discounter importiert kenne ich. Doch was im echten Süden vor mir am Baum hängt, muss ich oft erst googeln. Und selbst wenn ich weiß, was es ist, ist mir noch lange nicht klar, wie man es isst.
Orangen vom Baum pflücken, Guaven naschen - kein Problem. Aber wie nähert man sich dieser im Überfluss wachsenden Frucht?Der Feigenkaktus wächst in Süditalien wie Unkraut und lockt mit schönen aber stacheligen Früchten. Auch hier hilft dem ahnungslosen das Netz. Ernten kann man sie bewehrt mit einer die Hand schützenden Plastiktüte. Die Enden abschneiden, mit Gabel festhalten und längs schneiden und schälen. So kommt man an den leckeren Vitamin-C-Schub im Inneren.
Ganz ohne Stachel in der Hand habe ich es nicht geschafft, aber ich lerne...
Dienstag, 18. Oktober 2022
Was nicht im Reiseführer steht
Verstörend ist die hier übliche Art, sich seines Abfalls zu entledigen. Selbst mitten in den Orten sieht man Berge von Zivilisationsmüll.
Mir hat mal jemand erzählt, daß naturnahe Völker Plastik wegwerfen wie Apfelschalen, da sie nicht wissen, daß es nicht verrottet. Ich nehme aber selbst dem ahnungslosesten Zeitgenossen nicht ab, daß er das nicht mittlerweile erkannt hat. Welches Geistes Kind sind Leute, die ihre Abfälle direkt hinter's Haus werfen? Die Höfe und Gärten sind gepflegt. Alles andere ist Müllhalde. Sowas habe ich schon in Griechenland und Portugal beobachtet. Begreifen kann ich es nicht.
Dabei ist gerade Italien voller Ästhetik. Liebevoll gestaltete Häuser, herausgeputzte Menschen, geschwungene Vespas. Und dazwischen Müllberge. Das passt nicht zusammen.
In einer Studie wurde für Deutschland herausgefunden, daß es eher junge Menschen sind, die ihre Dönerverpackung irgendwo fallen lassen. Fehlende Kinderstube trägt wohl auch bei. Hier liegen aber ganze Müllsäcke. Selbst wenn es nur wenige schwarze Schafe sind, die das machen, scheint es eine allgemeine Akzeptanz zu geben. Offensichtlich stört es niemanden. Wahrscheinlich habe ich einfach eine falsche Vorstellungen von schön.
Montag, 17. Oktober 2022
Salve!
Sei gesund. Was für ein schöner Gruß, den man hier allenthalben hört. So hat es schon getönt als die Römer einander trafen.
Heute bin ich noch weiter gegangen und zum Tal der Tempel bei Agrigent gewandert. Das einstige Akragas. Einst Gründung ausgewanderter Griechen, ist es heute eines der bedeutendsten Überbleibsel ihrer Bautätigkeit auf der Insel. Einige Tempel haben die Jahrtausende fast unbeschadet überlebt, will sie als Kirchen recycelt wurden.
Sie sind, sagt der Reiseführer, wegen Überbevölkerung aus Rhodos ausgewandert. Sizilien war da keineswegs unbesiedelt. Die Einheimischen wurden verjagt. Man hatte ja überlegene Kriegstechnik. Geschichte geht im Kreis.
Da der ÖPNV zu wünschen übrig ließ, habe ich einen netten Weg durch die sizilianische Botanik da hin gefunden.
Der Pfad ist nicht überall leicht auszumachen. Lange Hosen sind empfehlenswert, den das Gebüsch ist dornig. Wer Interesse hat, dem kann ich den GPX-Pfad zukommen lassen. Und wie immer: Google Maps ist keine App für's wandern!
Für den Rückweg bei Mittagshitze habe ich klassisch den Daumen an der Landstraße rausgehalten. Keine fünf Minuten später saß ich im Fiat Uno bei Tonio, der mir auf Deutsch (Dortmund) ungefragt erklärte, daß die Italiener zu wild Auto fahren. Salve!
Sonntag, 16. Oktober 2022
Etikettenschwindel
In Italien erfreut sich eine bisher Zuhause nur von Liefersklaven benutzte Fahrzeugart großer Beliebtheit. Ich nenne sie Scheinrad. Es sind pummelige Zweiräder, die offensichtlich Elektromotorräder sind, die, um den Schein zu wahren, Pedalen mitführen. Dem Nutzer ist zum Fortkommen das Pedalieren aber freigestellt.
Die Dinger fahren auf Knopfdruck los. Damit sausen die Zeitgenossen durch Fußgängerzonen, über Bürgersteige und sonstige Orte, die ehrlichen Motorrädern verwehrt sind.
Mag das in Italien egal sein. Verkehrsregeln sind da ohnehin nur unverbindliche Vorschläge. Für Deutschland wünsche ich mir, daß echte Fahrräder ihre Privilegien behalten. Schweiß als Währung für das Nutzen von Waldwegen, Radwegen oder freigegebenen Fußgängerzonen. Motorräder raus da!
Im Übrigen sind die Dinger potthässlich. Wie geschrumpft und doch übergewichtig, klein aber nicht faltbar. Die zu bewegen ohne Motor erscheint unmöglich. Die sind das Gegenteil von gutem Fahrradbau, eine Kapitulation vor der Faulheit. Eine erbärmliche Mogelpackung.
Mittwoch, 12. Oktober 2022
béton brut
Manchmal hat die deutsche Sprache Wortfindungsstörungen. Wie kann man beispielsweise etwas so nettes, das im Englischen nipple heißt, Brustwarze nennen? Iii. So ein Fehlgriff gab es auch in der Architektur. Aus béton brut im Französischen wurde nicht etwa "roher Beton" oder "sichtbarer Beton" sondern Brutalismus. Die kollektive Wortfindung hat versagt. Die graue Erscheinung rohen Betons wird abgestempelt als brutal. Und man glaube es, den die Entwürfe sind oft wenig elegant.
An vielen nagt der Zahn der Zeit unterstützt von einem Mangel an Zuwendung, wie hier an Rathaus von Kolasin.
Unterwegs sehe ich einige Beispiele dieses mutigen Aufbruchs der Architektur. Im ehemaligen Jugoslawien hab es offenbar Grüßen Bedarf an repräsentativen Bauten.
Aber es gibt auch selbstbewusste Bauten, die gut in Schuss sind. So die Wallfahrtskirche in Syracuse auf Sizilien.
Montag, 10. Oktober 2022
Was ich über euch weiß.
Der Dienst blogger.com, den ich für den Blog nutze, stellt ein paar Statistiken zur Nutzung bereit. Wie diese aussieht möchte ich euch nicht vorenthalten.
Offenbar ist die Häufigkeit der Aufrufe sehr zurückhaltend. Maximal gut 100 Besuche pro Tag versprechen noch nicht großes Inflänzen. Da die Seite aber im Internet nirgends verlinkt ist, wird sie im Google-Ranking nicht nach oben schwimmen.
Hier plaudert euer Endgerät den benutzten Browser aus. Sogar der Saurier Internet Explorer kommt noch vor.
Spannen finde ich, aus welchem Ländern Aufrufe kommen. Zwar weiß der Dienst nur die Abfragequelle. Wenn also jemand ein VPN nutzt bleibt der echte Ort geheim, aber eine gewisse Statistik ergibt sich schon. Es dominiert natürlich Deutschland, aber es kommen auch viele andere Teile der Welt vor.
(Meine Seite hohetour.de war mal auf der Seite der MDR-Sendung Biwak verlinkt. Das fand Google toll und sie wurde findbar.)
Sonntag, 9. Oktober 2022
Von Jägern und Sammlern
Vorbemerkung: Das ist ein längerer Text, der nur wenig mit meiner Reise zu tun hat. Die bietet aber Anlass und Gelegenheit, ihn zu schreiben.
Eine Antwort kann lauten: Unser Körper und unser Geist passen nicht zu unserem Lebenswandel. Schaut man sich evolutionäre Veränderungen an, so vollziehen sie sich über Äonen. Deshalb glaubten frühere Kulturen an eine statisch geschaffene Welt. Unser Horizont reicht einfach nicht aus, evolutionäre Prozesse zu erkennen. Erst unser Intellekt erlaubt es, diese Zusammenhänge zu erkennen.
Die Biologie lässt sich Zeit. Wir sind keine Homo Autobilensis, keine Homo Großstadtensis. Wir sind biologisch nach wie vor höchstens Jäger und Sammler. Das haben wir Jahrtausende gemacht. Dazu passen perfekt die eingangs erwähnten modernen Gesundheitstips. "Lebe wie eine Jäger und Sammler!" ließen sie sich zusammenfassen.
Versteht man erst einmal diese Diskrepanz, ergeben sich Antworten auf viele aktuelle Fragen. Ein heute so genanntes Vorurteil ist, zum Beispiel, für den Jäger die in Sekundenbruchteilen zu fällende Entscheidung, ob er im Busch Freund oder Feind gegenüber steht. Auch mußte er seine Umgebung in seiner Lebensspanne gut kennen. Welche Auswirkungen sein Holzfällen und Verbrennen aus den Meeresspiegel hat, war unwichtig.
Wir sind also gemacht für das Verstehen unmittelbarer Ursache-Wirkung Bezüge. Das Begreifen langfristiger Zusammenhänge ist in unserer Biologie nicht vorhanden. Es war schlicht nicht nötig für Erfolg.
Unser großes Hirn ist nun aber Fluch und Segen zugleich. Es ermöglicht uns, in - verglichen mit anderen Lebewesen - umfassendem Überfluss zu leben. Es lässt aber auch zu, die langfristigen Folgen unseres Handelns zu erkennen... wenn wir uns bemühen.
Manche vergleichen die Menschheit mit einem Parasiten, der die Erde befallen hat. Übliche Parasiten sind doof und bringen ihren Wirt um und gehen damit selbst drauf. Das klappt, weil es genug Wirte gibt. Wir haben nur eine Erde. Wenn wir diesen Wirt zugrunde richten, sind wir auch am Ende. Übrigens: Das Bewahren der Erde sollte nicht Umweltschutz heißen. Die Umwelt wird uns lächelnd überleben. Es ist viel mehr der Schutz unserer Existenz, unserer Zivilisation. Menschheitsschutz wäre wohl ein geeigneterer Begriff.
Wozu erzähle ich das? Zu Hause wie unterwegs erlebe ich, wie wir offenbar außer Stande sind, die Folgen unseres Handelns zu verstehen. Wie oben erklärt, erschließt sich vieles nur Intellektuell. Unmittelbarer sieht, schmeckt und riecht man Klimawandel nicht. Warum man durch Handy mit anderen Menschen sprechen kann, versteht (fast) niemand wirklich. Wir Jäger und Sammler begreifen (auch im Wortsinn) das Unmittelbare, nicht das Langfristige, Ferne.
Verschärfend hinzu kommt, daß jeder für sich gute Gründe findet, die möglicherweise verstandenen langfristigen Folgen seines Handelns zu entschuldigen. "Die Anderen machen es doch auch." "Mein Handeln ändert doch nichts an großen ganzen." "Das ist aber zu umständlich." NIMBY ist eine dazu passende Wortschöpfung. Das ist unsere Urmenschenbiologie. Die kulturell gelernte Überformung reicht nicht, um unser Handeln fundamental zu beeinflussen. Und wir sind zu dumm. Der Busfahrer lässt beim Parken den Motor laufen. Er zahlt den Sprit ja nicht. Das Thermostat steht auf 5. Der Besitzer weiß nicht, was eine Regelung ist. Der Büromensch "lüftet" weil er glaubt, kalte Luft sei frischer als die vorgewärmte aus der Lüftungsanlage.
Was tun?
Aus den schrecklich schiefgegangenen Gesellschaftsexperimenten des vergangenen Jahrhunderts haben wir gelernt, daß sich der gute Mensch nicht züchten lässt. "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen." ist eine Illusion. (Ref.) Gutes nachhaltiges Handeln ist Ehrenwert, wird aber die Welt nicht retten. Umerziehung ist keine Option. Was funktioniert dann? Markt und Regeln. Gesetze regeln erfolgreich unser Zusammenleben. Manche Politiker diffamieren Regeln als Verbote. Der facto sind Gesetze Verbotssammlungen. Es ist sogar alles erlaubt, was nicht per Gesetz verboten ist. Das erst ermöglicht ein friedvolles Miteinander.
Es ist verboten, bei Rot über die Kreuzung zu fahren. Es ist verboten, jemandem etwas wegzunehmen. Es ist verboten, einfach im Wald einen Baum zu fällen. Erst diese vereinbarten Verbote ermöglichen Freiheit miteinander.
Das andere, was funktioniert, ist der Markt. Messe etwas einen Wert bei und es wird sich ein Markt bilden. Um unsere Erde zu schützen müssen wir ihren Ressourcen einen Wert zumessen. Ein CO2-Zerifikat ist ein gutes Werkzeug. Nur muss es teuer genug sein, was es aktuell nach Ansicht vieler Experten nicht ist. Du willst ein Kernkraftwerk betreiben? Gerne. Aber versichere es auch. Geht nicht. Keine Versicherung gegen die Folgen eines Unfalls wäre wirschaftlich. Und das Endlager bezahlst du auch! Schon ist Kernkraft vom Markt.
Die kluge Verknüpfung von durch Verbote eingehegtem Markt ist ein Weg, den Jäger und Sammler verstehen können. Dabei müssen irreversible Eingriffe durch Verbote verhindert werden. So ist ein gerodeter Regenwald auf sehr lange Zeit verloren. Da dürften nur einzelne Bäume geerntet werden. Übrigens, schon in der Bronzezeit haben Menschen die Umwelt kaputt gemacht.
Soweit die heere Theorie. Die Wirklichkeit ist leider viel komplizierter. Staaten, Unternehmen, Lobbyisten haben eigene Agenden. Zusammen mit dem unterschiedlichen Entwicklungsständen der Länder ergibt sich große Blockaden. Warum auch sollten andere Länder ihre Urwälder nicht roden? Wir, die Europäer haben es auch gemacht. Vor Jahrhunderten. Und mit dem daraus gebauten Schiffen haben wird dann die Welt unterjocht. Aber das ist ein anderes Thema.
Große Wirtschaftsräume wie die EU können aber zum Beispiel importiere CO2-Ausstöße besteuern. Das wird auch gemacht und geht gut bei Kohle oder Stahl. Aber wie viel CO2-Ausstoß steckt in einem Handy, importiert aus China? Es ist kompliziert.
Ein Ansatz, etwas Vergleichbarkeit oder Gerechtigkeit einzuführen ist die Idee des CO2-Gesamtbudgets. Dabei werden alle historischen Emmisionen eines Landes addiert. Der fette Westen hat danach schon einen Großteil seines Budgets verbraucht. Nach diesem Maß müssten diese Länder bei der Decarbonisierung ihrer Gesellschaft voran gehen. Die können das auch technologisch wie wirtschaftlich. Deutschland zum Beispiel müsste danach 2030 bei Null sein. Bei aktueller Politik ist das leider illusorisch.
Bei meiner Reise durch Europa habe ich leider einen sehr ernüchternden Eindruck gewonnen. Südeuropa ist gesegnet mit Sonne. Auch Wind gibt es ab dem Küsten und in den Gebirgen reichlich. Beides liegt brach. Windräder haben Seltenheitswert. Solarmodule sieht man so gut wie nirgends. Dabei hat beispielsweise Sizilien fünfzig Prozent mehr Sonne als Deutschland. Konventionelle Energie ist ganz offensichtlich noch zu billig. So billig, daß es wirtschaftlich egal ist, ob der Busfahrer den Motor abstellt. Der Markt richtet es nicht. Also brauchen wir Regeln und Gesetze, die auch durchgesetzt werden.
Und was ist mit dem importierten Handy? Ahnlich zum Lieferkettengesetz könnte man die Importeure verpflichten, ein CO2-Budget ihrer Waren anzugeben. Dem kann man dann ein Preisschild umhängen. Ein wünschenswerter Nebeneffekt teurer Energie ist übrigens, daß regionale Produkte und Dienstleistungen relativ günstiger werden. Dann kann vielleicht der Apfel aus Borthen wieder mit dem aus Neuseeland preislich mithalten.
Sonntag, 25. September 2022
Alltag Reisen
Drei Wochen bin ich nun schon unterwegs. In zehn Länder habe ich meine Füße gesetzt, wenn auch manchmal nur für Stunden.
Die ersten Erinnerungen verschwimmen. Die Vielzahl an Eindrücken will verarbeitet sein. Dabei bemühe ich mich, Reisender zu sein, nicht Tourist. Geschichte, Besonderheiten und Alltag der besuchten Städte und Länder interessieren mich. Die Einsichten können nur oberflächlich sein, im Vergleich aber spannend und durchaus erhellend.
Nicht wenig Zeit investierte ich in Planung. Wo will ich hin? Welche Verbindungen gibt es? Wo kommt man unter? Zug fahren außerhalb von Mitteleuropa bringt die zusätzliche Hürde, daß es nur sehr wenig Züge gibt. Viele Verbindungen werden nicht einmal täglich bedient. Klar, man kann Bus fahren, aber dafür brauche ich interrail nicht.
Ohne Internet wäre ich aufgeschmissen. Wie interrail vor 50 Jahren funktioniert hat, ist mir unklar. Die Informationsbeschaffung muss zäh gewesen sein.
Kaum ein Tag vergeht, an den ich nicht mindestens zehn Kilometer laufe. Stadt erschlendern, in Kirchen eintauchen, Bürgern erobern - das leppert sich. Aber ich gönne mir auch faule Tage. Nicht jedes Museum muss besichtigt werden. Und diese Texte wollen ja auch geschrieben werden.
Nichts ist schwieriger als gut zu befehlen.
So lautet ein Zitat von Diokletian, einst römischer Kaiser. Der ließ sich an der Adria einen Palast für den Ruhestand bauen. Daraus ist Split entstanden.
Er war übrigens Roms einziger Kaiser, der je freiwillig den Posten geräumt hat. Auch sonst hat er einige kluge Dinge getan. Er hat seine Macht geteilt und sich so Ursupatoren vom Leib gehalten. Die Nebenkaiser bekamen gewisse Landesteile zur Verwaltung. Dadurch ließ sich das Riesenreich besser steuern. Auch hat er eine Münz- und eine Verwaltungsreform durchgesetzt.
Ein kluger Diktator?
Das große Interesse an der Beisetzung einer neulich verstorbenen britischen Greisin lässt vermuten, daß die Sehnsucht nach einem klugen und gütigen Monarchen weit verbreitet ist.
Und ehrlich gesagt, sind Diktaturen ein Erfolgsmodell. Jedes Schiff unterliegt den Diktat des Kapitäns. Die allermeisten Unternehmen sind keine Demokratien. Große Organisationen hierarchisch zu führen funktioniert. Insbesondere wenn Entscheidungen schnell fallen müssen, sind Demokratien behäbig. Und viele der brennenden Themen dulden kein Zögern. Beispiele für kluge Diktaturen sind z. B. Singapur. Die Stadt geht Zukunftsthemen radikal an. Auch gibt es dort fast nur Sozialwohnungen. Autos sind exorbitant teuer. Die Stadt wird konsequent begrünt und Abwässer fast einhundertprozentig wieder aufbereitet. In Peking wurden benzinbetriebene Motorroller einfach verboten.
Ohne Frage sind freie Gesellschaften für den einzelnen nett. Ob sie aber langfristig erfolgreich sind, steht auf einem anderen Blatt.
Und wenn ich sehe, was wir für ein Land von NIMBYs geworden sind, ist es wohl schlecht bestellt um unsere Handlungsfähigkeit.
Dass es besser geht, zeigen die Schweiz und Norwegen. Beides fraglos Demokratien, wo aber unangenehme Entscheidungen möglich sind.
Ich nenne das mal Gesellschaftsdarwinismus. Stellt man sich die Staaten als Varianten eines Organismus vor, wird langfristig der überleben, der sich der Umwelt anpassen kann. Die anderen scheitern. Diese Anpassungsfähigkeit hängt leider nicht zwingend von Menschenrechten oder Wohlstand ab. Der Spagat zwischen schneller Anpassung und demokratischer Verständigung ist schwer. Aber wir müssen ihn wagen. Der im Westen gelebte Hyperindividualismus hilft jedenfalls nicht, eine Gesellschaft erfolgreich zu machen.
Freitag, 23. September 2022
8 Grad Süd
Heute, vier Minuten nach drei in der Nacht überschritt die Sonne den Äquator. Überall sind Tag und Nacht gleich lang. Wir nennen das auch Herbstanfang. Im Norden werden die Tage rasant kürzer. Praktisch, wenn man dann im Süden sein kann.
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