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Donnerstag, 3. November 2022

1:15

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag vermeiden. Aber er wurde nötig. Nachdem ich in fünfzehn Ländern Bahn fahren durfte, war am Ende die deutsche dran. Sie machte ihrem Ruf alle Ehre. Trotz 30 Minuten Umsteigezeit verpasste ich den Abschluss in Frankfurt. An Ende war das nicht schlimm, denn der verpasste ICE ging in Döbeln kaputt. Der Zug in dem ich dann saß sammelte die gestrandeten Passagiere auf. Es war schon fast lustig.

Selbst die Anzeige im Zug war verwirrt.
Früher dachte ich, das deutsche Streckennetz ist eben groß. Da sind Verspätungen unvermeidlich. Nun, auch Italien ist groß. Dort waren die meisten Züge sehr pünktlich. Und in der Schweiz klappen sogar Umsteigezeiten von zwei Minuten.
Auch ist Deutschland das einzige Land, das ich in den zwei Monaten bereist habe, in dem nach wie vor Maske Pflicht ist. Wenn ich in einer Gruppe eine von der großen Mehrheit abweichende Meinung habe, kommen mir Zweifel, ob meine Position wirklich die richtige ist. Es ist sehr heilsam, etwas über den Tellerrand zu schauen. Uns allen täte das öfter gut. Wir könnten sehen, daß Deutschland bei so einigen modernen Themen weit weg von der Avantgarde ist. Bei anderen, wie den erneuerbaren Energien, sieht es ganz gut aus - verglichen mit dem Balkan.

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Bjutiful old Jurop

Auffällig bei ausnahmslos allen Orten meiner Reise war die Menge nordamerikanischer Touristen. Egal ob Tallin, Split oder Tirana. Überall war amerikanisch rollendes Englisch unüberhörbar. Das erstaunt. Meine Route sehe ich nicht unbedingt als Teil von Europa-in-einer-Woche.
Ich halte es für ein positives Zeichen, wenn sich eine Menge Amerikaner echt Zeit nehmen, Europa kennen zu lernen. Dazu sollte man wissen, daß in den Vereinigten Staaten eine Woche Urlaub pro Jahr nicht unüblich ist. Einige mit denen ich ins Gespräch kam, haben sich aber deutlich mehr Zeit genommen. 
Die nächst auffällige Fraktion sind Deutsche. Die sind weniger zu hören als an ihrer Bekleidung zu erkennen. Stets bestens vorbereitet, im nächsten Moment den Mount Everest zu bezwingen, erkennt man die von weitem. Natürlich überall sind auch die karikaturhaft Selfiesticks haltenden Chinesen unterwegs. Warum sie sich immer ins Bild setzen müssen? Auch Oma Zuhause soll was von der teuren Reise ihres Enkels haben. So hat jede Nation ihre Eigenarten. Daß man aber voneinander lernt, ist wohl ähnlich wahrscheinlich wie "Wandel durch Handel".

Samstag, 22. Oktober 2022

887 Kilometer Nacht

Der Rückreise nach Norden beginnt. Der Nachtzug, der eingebrochen Ganztageszug heißen sollte, lädt mich mittags in Palermo ein, in ihm ganz Italien zu durchmessen. Kurios ist, daß der ganze Zug auf einer Fähre durch die Straße von Messina schwimmt.

Danach ist leider nur noch Nacht. 
Trotz Ruckeln des Zuges und Schnarchen meines Mitabteilers steige ich ziemlich ausgeschlafen in La Spezia aus. Mein Ziel heißt Chinque Terre. Das ist eine Kette von wagemutig auf Felsen getupfter Dörfer, die man durchwandern kann.

(Der Zugverlauf vom Ball bis zum Schienenbein.)

Freitag, 7. Oktober 2022

Mitnetz

Digitale Begleiter sind beim Reisen nicht mehr wegzudenken. Viele der Dienste und Programme, die ich nutze, sind kostenlos. So etwas gibt es in der physischen Welt selten. Kaum jemand verschenkt sind Arbeit oder Dienstleistung. Im Netz sind natürlich die Geschäftsmodelle andere. Google & Co. machen unsere Datenspuren zu Geld. Das ist ok, solange ich weiß, daß sie es tun und ich kontrollieren kann, was sie über mich wissen.
Es gibt aber haufenweise Dienste, die keine Daten abschnorcheln und trotzdem kostenlos sind. Wikipedia, nextcloud, opensteetmap, tasmota, wireguard, öffi - alle gut, nützlich und kostenlos. Wie geht das? Wovon werden die Entwickler bezahlt? 
Nun, es gibt auch da sehr verschiedene Modelle. Öffi zum Beispiel wird von einem Menschen entwickelt, der das einfach gerne macht und seine Arbeit der Welt schenkt. Altruismus in Reinform. Software wie nextcloud kostet für Unternehmen Geld oder zumindest der Support. Private Nutzung kann dadurch verschenkt werden. Viele andere Projekte wie Wikipedia Leben von Spenden. Aber auch mitmachen ist gerne gesehen. Hat du schon mal was bei Wikipedia geschrieben? Warum nicht? Du kennst dich doch bestimmt bei etwas besonders gut aus. Los, nur Mut! Selten zwar aber ein paar Mal habe ich was in ein Wiki eingetragen oder korrigiert. Oder ich steuere ein Anwendungsbeispiel zu einer Software bei.
Beim Reisen sind natürlich elektronische Landkarten sehr wertvoll. Außerhalb von Mitteleuropa, so lerne ich, sind die aber ziemlich unvollständig. So hat mich in den Bergen Montenegros gewundert, daß es keinen Pfad von den nahen Straßen zum Bahnhof geben soll.

Die offizielle Zufahrtsstraße ist ein ziemlicher Umweg. Ein Spaziergang am nächsten Tag zeigte, daß es einen gibt. Die Karte kennt ihn nicht. Auch da kann man mitmachen. Sogar für Android gibt es eine App, um Landkarten zu bearbeiten. Also habe ich mir die installiert, ein YouTube-Videochen als Einstieg angeschaut. Eine Stunde später gibt es denn Pfad.

Alle, die wie ich ahnungslos dort aus dem Zug stolpern, können nun auch die Abkürzung in den Ort nehmen.
Wer sich nicht berufen fühlt, öffentliche Daten zu bearbeiten, sollte zumindest in Betracht ziehen, an die freien Projekte zu spenden. Dort wird jeder Cent gebraucht, um Server, Entwicklung und Wartung zu finanzieren.
Auch eine App zu kaufen ist ein guter Weg. Viele Anwendungen lassen sich für sehr wenig Geld von Werbung befreien. Das hilft dem Programmierer und schont deine Augen.

[Die Karten-App meiner Wahl nennt sich locus, kein Witz. Die gibt es kostenlos oder mit erheblich größerem Funktionsumfang im Abo. Alternativ bietet sich OSMand als Open source an. Beide brauchen keine Internetverbindung, um Karten zeigen zu können. Etwas Einarbeitung in die Bedingung so einer Anwendung ist aber nötig. Beides ist übrigens für Android. Für iOS kenne ich nichts vergleichbares.]

Donnerstag, 6. Oktober 2022

Primitvo moderno

Ich habe die Faxen dicke. In Albanien gibt es keine Züge. Corona bietet den Bahnen des Balkans bis heute eine Ausrede, keinerlei grenzüberschreitenden Verbindungen anzubieten. Im Netz findet man Tipps wie "nimm zur Grenze ein Taxi, laufe 'rüber und nimm dann ein weiteres".
Nö. Dafür habe ich nicht Interrail. Von Ex-Jugoslawien wusste ich, das es dort dünn wird. Das habe ich nun hinter mir gelassen. Dass Bulgarien und Griechenland bahntechnisch Zurückentwicklungsländer sind, enttäuscht.
Also nehme ich die Fähre vom albanischen Durrës. Noch einmal Busfragestunde bis zum Hafen. Ein abgeranzter Seelenverkäufer von Fähre bringt mich nachtschlafend nach Bari. 
Im ersten "Westzug" seit Wochen zu sitzen, ist wie eine andere Welt. Sauber, modern, schnell und pünktlich trägt mich der italienische Bummelzug durch die Weinfelder Apuliens, deren Frucht mir so lieb ist.
Umsteigezeiten lassen sich hier sehr ortstypisch gestalten.
Mit drei Mal Umsteigen auf die Minute genau erreiche ich mein Ziel am Zeh vom Stiefel Italien. Tropea heißt das Örtchen, scheinbar gemacht aus allen Zutaten für Urlaubskataloge.
Das wissen auch andere Nordeuropäer. Alleine bin ich hier nicht. Aber es geht entspannt zu. Die Parkplätze erzählen, daß hier auch sehr viel mehr los sein kann.

Samstag, 1. Oktober 2022

Pufferküsser

Wer dieses Wort nicht kennt: So nennt man etwas despektierlich Leute mit einer großen Zuneigung zur Eisenbahn. Wer zwei Monate Eisenbahn fährt, muss das offenbar nett finden. Dann sucht man natürlich nicht nur nach schönen Zielen, sondern der Schienen-Weg ist das Ziel. Einer dieser besonderen Wege ist die Bahnstrecke von Belgrad zur Adriaküste. Sie war ein Prestigeprojekt Titos und eine enorme Ingenieursleistung. Die nationale Bedeutung war vergleichbar mit dem Bau der BAM oder vielleicht (im Kleinen) "Max braucht Wasser". Die Jugend Jugoslawiens strömte in die Berge, um die Zukunft zu bauen. 
Man überquert bei der Fahrt die höchste Eisenbahnbrücke Europas. Hunderte Tunnel und Brücken machen sie zu einem faszinierenden Erlebnis. Bis heute wird die durch zum Großteil menschenleers Karstgebirge führende Strecke täglich von Streckenläufern überwacht. Ein sehr lesenswerter Wikipedia-Artikel erzählt ausführlich. Heute hat übrigens China die Strecke als Teil ihrer neuen Seidenstraße entdeckt und hilft tatkräftig bei der Sanierung.

Sonntag, 25. September 2022

Alltag Reisen

Drei Wochen bin ich nun schon unterwegs. In zehn Länder habe ich meine Füße gesetzt, wenn auch manchmal nur für Stunden.
Die ersten Erinnerungen verschwimmen. Die Vielzahl an Eindrücken will verarbeitet sein. Dabei bemühe ich mich, Reisender zu sein, nicht Tourist. Geschichte, Besonderheiten und Alltag der besuchten Städte und Länder interessieren mich. Die Einsichten können nur oberflächlich sein, im Vergleich aber spannend und durchaus erhellend.
Nicht wenig Zeit investierte ich in Planung. Wo will ich hin? Welche Verbindungen gibt es? Wo kommt man unter? Zug fahren außerhalb von Mitteleuropa bringt die zusätzliche Hürde, daß es nur sehr wenig Züge gibt. Viele Verbindungen werden nicht einmal täglich bedient. Klar, man kann Bus fahren, aber dafür brauche ich interrail nicht.
Ohne Internet wäre ich aufgeschmissen. Wie interrail vor 50 Jahren funktioniert hat, ist mir unklar. Die Informationsbeschaffung muss zäh gewesen sein.
Kaum ein Tag vergeht, an den ich nicht mindestens zehn Kilometer laufe. Stadt erschlendern, in Kirchen eintauchen, Bürgern erobern - das leppert sich. Aber ich gönne mir auch faule Tage. Nicht jedes Museum muss besichtigt werden. Und diese Texte wollen ja auch geschrieben werden.

Freitag, 23. September 2022

8 Grad Süd

Heute, vier Minuten nach drei in der Nacht überschritt die Sonne den Äquator. Überall sind Tag und Nacht gleich lang. Wir nennen das auch Herbstanfang. Im Norden werden die Tage rasant kürzer. Praktisch, wenn man dann im Süden sein kann. 
Himmel blau, Adria blauer und die Luft acht Grad wärmer als Zuhause.

Nachtzug

Man muss es mögen. Es wackelt, quietscht, ist eng. Meist sind die Wagen in die Jahre gekommen. Fremde Menschen übernachten mit einem im Raum. Grenzbeamte wollen mitten in der Nacht die Ausweise sehen.
Wen das nicht stört, der kann im Schlaf halb Europa durchmessen. 


Dafür bekommt man, wie hier von Budapest nach Split, im Sonnenaufgang Dalmatiens das Frühstück serviert.
Die Dinge werden aber besser. Nachdem Nachtzüge in den letzten Jahrzehnten im Schatten der Billigflüge keine Chance hatten, besinnen sich viele dieser umweltfreundlichen Form der Fernreise. Österreich ließ ganz neue Wagen entwickeln. Die deutsche Bahn hatte Nachtzüge 2016 abgeschafft. Sie verläßt sich auf die Nachbarn. 

Donnerstag, 15. September 2022

In Busland

Ja, die Rechtschreibung stimmt. Die Wortschöpfung wähle ich für Lettland. Von Riga kommt man selbst nach Meinung der Dame am Fahrkartenschalter im Bahnhof nur per Bus über die Landesgrenze nach Süden. Schon die Zugfahrt ab der estnischen Grenze glich einer Zeitreise 60 Jahr zurück.
Also ergebe ich mich und fahre vier Stunden Bus nach Litauen.
Die Zuneigung zum Straßenverkehr kann man vielleicht auch an dem liebevoll mit Blumen geschmückten Busbahnhof ablesen.
Rīga selbst ist schon eine echte, laute Großstadt mit deutlich sichtbaren sowjetischen Hinterlassenschaften wie Stalins Geburtstagstorte und dem O-Bus.
Aber Riga hat mehr zu bieten. Eine beeindruckende Altstadt (wenn auch vieles nach Kriegszerstörunge wiedererrichtet wurde) und ein wildes Jugendstil-Ensemble. Mein Highlight waren aber die zu einem gigantischen Markt umgenutzten ehemaligen Zeppelinhallen.

Mittwoch, 7. September 2022

Danske Design

Die Dänen sind offenbar verliebt in tolles Design. Das ist nichts schlechtes. Nur ungewohnt für jemanden, der da aufgewachsen ist, wo selbst die Neubauten barock sein müssen und im Vorort die Baumarkttür der Ästhetik Krone ist.
Hier in Dänemark sind selbst die Masten der Eisenbahn oder öffentliche Mülleimer aus Corten-Stahl.
Hans Christian Andersen bekam ganz frisch ein beeindruckendes Museum in Odense. Erlebenswert!

Architektur von Kengo Kuma

Andersen, so lerne ich dort, hat auf ausgedehnten Reisen seine Inspirationen gefunden. Wenn das mal kein Zeichen ist...
Trotzdem lasse ich Dänemark rasch hinter mir. Durchquere Schweden bis Stockholm, um mich dort nach Helsinki einzuschiffen.